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Buchausschnitt “Chroniken der Weltensucher – Der Palast des Poseidon”: Im schwachen Licht der Calypso erkannte Oskar, dass der Mann aus unterschiedlichsten Metallteilen zusammengeschraubt war. Manche der Platten und Streben schienen brandneu zu sein, andere wirkten uralt und rostig. Die Verstrebungen der Arme und Beine sahen verdächtig nach Pleuelstangen aus, während die Gelenke Ähnlichkeit mit Schwungrädern hatten. Ein unbekannter Mechanismus treibt den Eisenmann an. Über seine Schulter hatte der Mann die Ankerkette geworfen, an der er das Schiff durch die Dunkelheit zog.
Oskar spürte kalte Furcht in sich aufsteigen. Waren das die Seeungeheuer, von denen sie gehört hatten? Mechanische Konstruktionen?

Seltsam bizarre Maschinen tauchen in fast jedem Steampunk-Roman auf, so auch in Thomas Thiemeyers “Chroniken der Weltensucher”. Nach Vampiren, Engeln, Widergängern oder Errettern der Menschheit sucht man hier vergeblich und doch rückt das literarische Genre in die Nähe der anhaltend hoch im Kurs stehenden Fantasy-Literatur. Das führt dazu, dass Steampunk auch für Kinder- und Jugendbuchverlage neuerdings so attraktiv wird. Oliver Hoffmann, einer der Verleger des Fachverlages Feder & Schwert, gab amerikanischen und deutschen Steampunk-Autoren bereits eine literarische Heimat, als andere große Verlage noch keine Notiz von dem Genre nahmen:

"Vorreitertum ist, glaube ich, so was wie der Fluch des kleinen Fachverlages. Wir haben das schon mehrfach erlebt, dass wir so zwei, drei Jahre vor den allgemeinen Trendsettern sozusagen eine Welle begründet haben, die andere dann geritten und letztendlich dann auch zu Tode geritten haben. Das macht mir eigentlich eher Spaß. Es macht mir Spaß, Dinge vor anderen zu bemerken. Es bereitet mir eine diebische Freude, zu sehen, dass Menschen aus großen, wichtigen Börsen notierten Verlagen zu uns an den Buchmessestand kommen, um sich über die Trends des nächsten Jahres zu informieren."

Als Sublabel hat Steampunk mittlerweile mit eigenem Logo einen festen Platz beim Verlag Feder & Schwert:

"Der Begriff selbst ist noch sehr jung, der stammt vom Ende der 80er-Jahre aus den USA und ist geprägt für eine Art von Literatur, für die es vorher keinen Namen gab, für dystopische, ja rückwärts gewandte Science Fiction sozusagen.
Steampunk ist für mich eine literarische Gattung, die ganz vieles verschmilzt, was ich spannend finde. Nämlich einmal die Eleganz des viktorianischen Zeitalters, dann den Spaß daran, sich zu überlegen, was wäre gewesen, wenn Geschichte eine andere Entwicklung genommen hätte. Dann immer auch die Tendenz zum Abenteuerroman auf der einen Seite, ich erinnere an “In 80 Tagen um die Welt” von Jules Verne, das ist eigentlich ein klassischer Steampunk-Roman, obwohl es den Begriff damals noch nicht gab. Und auch der Spaß daran, sich mit politischen Fragen, gesellschaftspolitischen Entwicklungen auseinanderzusetzen."

Vom Literatur-Genre Cyberpunk beeinflusst, in dem bereits vor 30 Jahren eine technisierte Gesellschaft in dystopischen Zukunftsszenarien heraufbeschworen wurde, kehren Steampunk-Autoren heute in eine pseudo-historische Welt zurück. Von Dampfkraft betriebene Luftschiffe, archaische U-Boote, Dampfloks und oftmals beseelte Maschinen in allen Variationen sind feste Bausteine aller Steampunk-Welten. Und es kann geschehen, dass Personen freiwillig oder auch erzwungen körperlich eine Verbindung mit Schrauben, Muttern und Zahnrädern eingehen. Steampunk-Autoren stürzen ihre Protagonisten in unglaubliche Abenteuer, kreieren wahnwitzige Erfindungen und lassen Dampf aufsteigen. Steam, also Dampf, nimmt in den Romanen eine viel größere Bedeutung ein, als er sie im 19. Jahrhundert wirklich hatte. Im Wort Punk spiegelt sich eine gewisse Auflehnung gegen das bestehende gesellschaftliche System wider:

"Science Fiction versucht eigentlich immer, Geschichten über die Gegenwart zu erzählen. Und die Mischung ist im Steampunk deshalb so spannend, weil man eben diese fantastische Extrapolation unserer heutigen Gesellschaft in die Vergangenheit verlegt, um wieder rückwirkend etwas über unsere Welt zu sagen. Es gibt sehr große Ähnlichkeiten zwischen der damaligen Welt und der heutigen Welt. Wenn man nur auf die Industrialisierung der damaligen Zeit guckt, dieses Gefühl, dass der technische Fortschritt rasend schnell vonstatten geht, dass man die Welt gar nicht mehr versteht. Mit diesen Problemen waren die Viktorianer genauso konfrontiert wie wir heute. Ein gern gesagte Satz unter den Steampunk-Fans ist: Liebe die Maschine, aber hasse die Fabrik. Man hat einerseits die Liebe zum Fantastischen und zum Fortschritt und andererseits warnt man aber auch vor den Konsequenzen, die das haben kann."

sagt Oliver Plaschka. Zusammen mit den beiden Co-Autoren Alexander Flory und Matthias Mösch schrieb Oliver Plaschka seinen All-Age-Roman “Der Kristallpalast”, dessen Stofffülle für drei Bücher reichen würde. Jeder der Autoren entwickelte eine Hauptfigur und ließ diese vor historisch realer Kulisse über den Verlauf des teils fantastischen Geschehens aus der Ich-Perspektive erzählen. Oliver Plaschka führte dann alle Erzählfäden zusammen, sodass der Roman wie aus einem Guss erscheint. Handlungsort, dem Steampunk treu, ist das London des Jahres 1851 kurz vor Beginn der ersten Weltausstellung.

Ein Erfinder und adliges Mitglied der Kommission der Großen Ausstellung wird von der Agentin Miss Niobe, die vom exzentrischen Lord Bailey protegiert wird, tot aufgefunden. Der Mörder entwendete bei seiner Tat einen wertvollen Artefakt, in dessen Besitz nicht nur Lord Bailey, der im Dienst einer Freimaurer-Loge steht, gelangen möchte. Auch Sokrates Royle von einer geheimen Sonderabteilung der britischen Armee wird in die rasante wie detailreiche Handlung hineingezogen. Dreh- und Angelpunkt des Erzählverlaufs sind die spannungsreichen, sich immer wieder verändernden Beziehungen der Protagonisten, die alle über erstaunliche Fähigkeiten verfügen. Zum einen steht die Jagd nach dem Artefakt im Zentrum der Geschichte, dann wiederum die Aufzeichnungen einer geheimen Expedition nach Birma und die gegenwärtigen Aktivitäten rund um die erste Weltausstellung. Von handlungsbestimmender Bedeutung jedoch sind die murmelgroßen Halbedelsteine, die ihren Besitzern, auch Miss Niobe, magische Kräfte verleihen.

Buchausschnitt “Der Kristallpalast”: Ich war mir nie sicher, wie weit mein sechster Sinn – mein Talent, wie Bailey es nannte – in die Welt hinausreichte, aber mit jedem Jahr, in dem ich mich im Gebrauch der Shilas übte, erschien es mir weiter. Ich horchte in mich, spürte mein Blut rauschen, das sich mit dem Puls der zwei Millionen Menschen in dem weiten Labyrinth der Fabriken, Paläste und Gassen mischte, ihren Geheimnissen, ihren Gefahren. London mit seinen rußgeschwärzten Dächern und seinen dunklen, festungsgleichen Zinnen war ein Monster, ein unbekannter Urwald.

Neben all den historischen Freiheiten, die sich die Autoren nehmen und den fantastischen Erfindungen, wie zum Beispiel einer teleelektrischen Reise, die der Mörder in Sekundenschnelle zu seinen unheilvollen Auftraggebern antreten muss, steckt in diesem Roman aufwendige Recherchearbeit. Wie der Kristallpalast als internationaler Schauplatz aufsehenerregender, aber auch kitschiger Ausstellungsstücke zum entscheidenden Kulminationspunkt aller Erzählstränge wird, das liest sich atemberaubend spannend. Trotz historischem Hintergrund bleibt die Figurenzeichnung jedoch modern.

Oliver Hoffmann: "Es handelt sich eben nicht um einen historischen Roman, deshalb dürfen, weil wir uns im fiktiven Bereich bewegen, die Helden durchaus auch modern denken und ein dem heutigen Menschenbild angepasstes Menschenbild vertreten. Das ist ja auch das, was in den 90 Prozent sich so gut verkaufenden historischen Romane passiert: Die Protagonisten reden, als ob wir sie gerade eben auf dem Schulhof getroffen hätten. Da ist es aber völlig fehl am P
latz, während es in einem rein fiktiven Setting wie einem Steampunk-Roman durchaus seinen Platz findet.”"

Umrahmt Oliver Plaschka sein äußerst komplexes Steampunk-Abenteuer mit wahren historischen Daten, so schreibt Richard Harland für seine Romane die Geschichte um und erfindet einen 50-jährigen Krieg, an dessen Ausgang die Welt völlig anders aussieht. Der gebürtige Engländer, der heute in Australien lebt, ist in einer Zeit aufgewachsen, in der es, wie er in einem Interview sagte, unheimlich wichtig war, dass alle Technik mit stromlinienförmigen, verchromten, modernen Benutzeroberflächen ausgestattet war. Eine besondere Ästhetik und dazu Charakter haben für ihn aber gerade schmutzige, hässliche Maschinen. Mit seinem Cousin entwarf der heute 65-Jährige als Kind aus allen möglichen Schrottteilen eigene Flugzeuge und selbst ausgedachte Fahrzeuge und baute diese im Garten auf. All das sind, fand Richard Harland, äußerst gute Voraussetzungen für einen künftigen Steampunk-Autor und seine Vorliebe für den Fantasy-Autor Mervyn Peake. In seinen Steampunk-Romanen “Worldshaker” und “Liberator” erweckt Richard Harland nun hässlich-schöne, riesige Maschinen mit viel Dampf zum Leben.

Buchausschnitt “Liberator”: Die Ausmaße des Juggernauten waren gigantisch: 500 Fuß ging es senkrecht in die Tiefe, dann verbreiterte sich der Juggernaut von einem grauen Metalldeck zum nächsten. Die unterste Stufe bildete das Gartendeck. Unter dem alten Regime war es eine Parklandschaft gewesen, doch inzwischen diente es dem Anbau von Nahrung. Unter dem Gartendeck folgte der Schiffsrumpf, der noch einmal 100 Fuß senkrecht nach oben führte. Die Transportschaufeln des Juggernauten, die zum Fischen genutzt wurden, zogen lange Netze hinter sich her.

Der Juggernaut, der sich auf Walzen über Land und Wasser gemächlich vorwärtsbewegt, ist nicht einfach nur ein Fahrzeug, sondern der Lebensort Tausender Menschen, das mobile Großbritannien. Weitere überlebende Nationen, wie Frankreich, Russland oder Österreich, wohnen ebenfalls auf diesen riesigen imperialistischen Schiffen. Auf dem britischen Juggernaut jedoch fand eine Revolution statt. Die Dreckigen, die im unteren Teil das Metallungetüm mit ihrer Arbeitsleistung in Gang halten mussten, lehnten sich gegen die Herrschaft der Upper Class mit ihrem Königsduo Viktoria und Albert IV. auf. Riff, das kampfbereite Mädchen von unten und Col, der junge Adlige, setzen sich über alle Hürden hinweg, um die vom Dampf drangsalierten Menschen aus ihrem unwürdigen Leben zu befreien.

Buchausschnitt – “Liberator”: Mit der Befreiung hatte sich alles ins Gegenteil verkehrt. So, wie sie jetzt sich nicht mit ihm in der Öffentlichkeit sehen lassen konnte, so hatte er sich unter dem alten Regime nicht mit ihr erwischen lassen dürfen. Sie musste damals, als Gesindling verkleidet, heimlich in sein Zimmer schleichen, um ihn ihre Kampftechnik zu lehren, während er ihr das Lesen beibrachte.”

Im zweiten Band “Liberator” geraten die Machtverhältnisse jedoch in eine Schieflage. Ein sechsköpfiger Revolutionsrat der Dreckigen hat die Führung übernommen und duldet die noch auf dem Schiff verbliebenen Adligen, die nun die Protzer genannt werden. Eine angespannte Stimmung entsteht als klar wird, dass Sabotageakte an Bord verübt werden und sogar ein Ratsmitglied getötet wurde. Die Wortführer der Dreckigen, Shiv und Dunga, schlagen die Bildung eines Sicherungstrupps vor und die Wahl eines neuen Ratsmitgliedes.

Buchausschnitt – “Liberator”: Shiv drehte sich zu der Menge. “Hiermit nominiere ich Lye. Die Person, die unten das Kommando hat, sollte Mitglied des Rates sein.” Col sah Riffs finsteren Blick. Sie hatte keine Zeit, einen eigenen Kandidaten zu nominieren. Er wusste genau, was ihr jetzt durch den Kopf ging. Lye würde stets Shivs Vorschläge im Rat unterstützen. Und damit war das Gleichgewicht im Rat zu seinem Vorteil gekippt. Col wäre Riff zu gern zu Hilfe gekommen, aber das war unmöglich.

Lye entpuppt sich als äußerst machtbesessene und rücksichtslose Anführerin. Nach und nach wendet sich der Rat von seinen demokratischen Grundideen ab und wird zur Terrordiktatur unter Lyes Führung. Die Revolution frisst letztendlich ihre Kinder und die Angst der Dreckigen vor neuer Unterdrückung bestimmt den Handlungsverlauf. Col, Riff und die übrigen Protzer landen im unteren Teil des Schiffes als die anderen imperialistischen Juggernauten im Anmarsch sind, um die Liberator, den britischen Juggernaut, anzugreifen.
Richard Harland entwirft, ohne zu moralisieren, das Szenario einer erfolgreich verlaufenden Revolution und deren katastrophale Folgen, verursacht durch menschliche Gier nach Macht. Dabei sind seine Figuren nie eindimensional ausgerichtet. Lyes schmerzhaftes, persönliches Schicksal, geprägt durch das elende Leben als Sklavin, lässt den Leser ahnen, woher ihr Hass und ihre enorme Kraft rühren. Richard Harland versetzt seine literarischen Figuren in eine spannende alternative, ja fast glaubwürdige hochtechnisierte Welt, und stellt sie gleichzeitig vor die Fragen, die wir uns heute auch stellen: Wie sieht eine gerechte Welt aus? Wer darf die Macht innehaben? Was würde man selbst für die Freiheit aufs Spiel setzen?

Begeistert sich die weibliche Leserschaft laut Oliver Hoffmann für Steampunk-Romane, so mag das auch daran liegen, dass gerade Mädchen in den historischen Alternativwelten äußerst autonom auftreten, ob es nun Riff ist, die wissbegierige Charlotte in Thomas Thiemeyers “Chroniken der Weltensucher” oder die exotische Niobe in “Der Kristallpalast”. Gern greifen die Autoren auf den immer gleichen Inszenierungskniff zurück und lassen es, trotz aller Action, zwischen den jungen männlichen und weiblichen Protagonisten etwas knistern. Auch die amerikanische Autorin Kady Cross findet gefallen an starken Mädchenfiguren, einer Prise Romantik, technischen Raffinessen und der strengen Mode des viktorianischen Zeitalters. In ihrem Jugendroman “Das Mädchen mit dem Stahlkorsett” übernimmt zum einen die 16-jährige Finley Jayne die Hauptrolle, zum anderen zieht die Erfinderin Emily im Hintergrund die Fäden. Sie konstruiert ein spezielles Korsett, das Finley wie eine Rüstung gegen Angriffe schützt. Handlungsort ist das London von Königin Viktoria, 1897. Das Dienstmädchen Finley gelangt trotz aller Klassenschranken in die ominöse Gesellschaft um den Duke of Greythorne, der über ätherische Kanäle Kontakt zu den Toten aufnehmen kann. Er findet heraus, dass das britische Empire in Gefahr ist und eigenständig denkende Maschinen entpuppen sich als Mordwerkzeuge. Finley spürt, und das macht sie gefährlich, Züge eines weiblichen Dr. Jekyll und Mr. Hyde in sich. Und so geht sie keiner körperlichen Auseinandersetzung weder mit Menschen noch Maschinen aus dem Weg.

Buchausschnitt – “Das Mädchen mit dem Stahlkorsett”: Finley hatte die Maschine inzwischen mit deren eigenem Arm weitgehend zerstört. Das Ding wehrte sich zwar noch, war aber als Servierautomat nicht dazu gebaut, solche Angriffe zu ertragen. Schließlich riss Finley auch den zweiten Arm ab und drosch beide Gliedmaßen auf den Hals der Maschine, um die Verbindungen und Zahnräder zu zerschmettern. Diejenigen, die nicht voller Panik geflohen waren, hatten die Prügelei verfolgt und kamen jetzt näher wie neugierige Ratten, denn sie wollten das Mädchen begaffen, das mit bloßen Händen eine Maschine zerstört hat. Finley erweckte unterdessen den Eindruck, sie werde jedem das Fell über die Ohren ziehen, der es wagte, ihr zu nahe zu kommen.

Kady Cross unterliegt der Faszination des Gefährlichen und Wunderbaren. Sie überhäuft den Auftakt der geplanten St